Von Weimar ans Mittelmeer
Wie zwei Geschwister auf zwei Rädern Europa durchqueren
Sommer 2021
Das Semester neigt sich dem Ende und mein Uni-Fahrrad verwandelt sich langsam in ein Reiserad:
Eine Klick-Fix-Halterung von Ebay-Kleinanzeigen für Papas alte Lenkertasche, ein mit Kabelbindern befestigter Trinkflaschenhalter und am Gepäckträger zwei noch glänzende Fahrradtaschen. Ich war noch nie länger als zwei Tage mit dem Rad unterwegs. Aber eigentlich ist es ja nichts anderes als eine Hüttentour: Möglichst wenig einpacken und trotzdem für jedes Wetter vorbereitet sein.
So sind ungefähr meine Vorstellungen als ich meinem Bruder eine Nachricht schreibe und frage, ob wir Regenponchos einpacken sollen.
Unsere Route wird uns von Weimar an der Saale entlang Richtung Fichtelgebirge führen.
Südlich von Linz werden wir die Alpen queren und an die slovenische Mittelmeerküste rollen bevor wir schließlich Italien erreichen.

Unsere Route: 1.457 km und 17.600 Höhenmeter (Basemap: OpenStreetMapContributors)
Von wegen sanfte Flussradwege
Wenige Tage später holpere ich auf meinem bepackten Fahrrad über das Weimarer Kopfsteinpflaster und treffe in Jena auf meinen Bruder.
Die Vorfreude auf die nächsten Wochen ist hoch - die bevorstehenden Höhenmeter durch Thüringen noch höher. Dass Flussradwege nicht immer sanft am Fluss entlang führen, lernen wir schnell. Und so überwinden wir bereits auf der zweiten Etappe vom Thüringer Meer ins bayrische Hof 1300 Höhenmeter und 95 Kilometer.
Erschöpft und mit leicht hungrig-schlechter Laune strampel ich den letzten Berg hinauf. Mein Bruder neben mir scheint deutlich entspannter und fürchtet um sein Abendessen als ich sage: „Zum Abendessen gehe ich ganz sicher nicht zurück ins Tal, können wir nicht einfach hier etwas auf dem Campingkocher kochen?“.
Als wir eine Stunde später geduscht im Restaurant sitzen, überwiegt die Freude über die gemeisterte Etappe, ein Selfie mit zwei großen Pizzen landet im Familien-Chat und ich bin meinem Bruder umso dankbarer, dass er mich mit auf dieses Abenteuer genommen hat.

So nah und so schön: Fjordähnliche Landschaft am Thüringer Meer
Unsere Route in Zahlen
- 1.457 Kilometer
- 17.600 Höhenmeter
- 4 Länder
- 19 Radfahrtage
- 6 Pausentage
- 2 platte Reifen
- 1 gerissener Schaltzug
- 1 loses Tretlager
- 3 Gläser Erdnussmuß
- 5 Packungen Linsenpasta
- 6 Packungen Haferflocken
Unterwegs mit Geschwistern
Als ich Freund*innen hier und da von unserer Fahrradtour erzählt habe, gab es eigentlich nur zwei Reaktionen: „Was? Bis ans Mittelmeer?“ und „Wie? Mit deinem Bruder? Ich könnte nicht mit meinen Geschwistern verreisen.“
Obwohl sechs Jahre Altersunterschied uns beide trennen, erschien mir die Vorstellung, die nächsten drei Wochen ein Zelt und einen Kochtopf mit meinem Bruder zu teilen, gar nicht komisch. Ganz im Gegenteil fühlte ich mich richtig wohl: Es gibt niemanden gegenüber dem ich ehrlicher und direkter sein kann als gegenüber meinen Geschwistern. Wir kennen uns seit 21 Jahren: Wir wissen also, dass sich Hunger und schlechte Laune bei uns proportional zueinander Verhalten, dass niemals die Haferflocken ausgehen dürfen, dass ich meinen Bruder nachts anstupsen darf, damit er aufhört zu schnarchen und immer genug Zeit zum Baden in sämtlichen Seen und Gebirgsbächen eingeplant werden muss. In diesem gegenseitigen Einvernehmen radelt es sich eigentlich ganz gut.
Doch wie sieht es aus, wenn ab Tag acht der Regen nicht aufzuhören scheint und der erste platte Reifen in einem Bushaltestellenhäuschen am Straßenrand geflickt werden muss? Wir beginnen den weiteren Tourenverlauf zu hinterfragen. Eigentlich geht es bald über die Alpen, aber die Wettervorhersage bleibt schlecht und die Stimmung ist nun doch etwas angespannt. Auf die Chatnachricht, ob wir Regenponchos einpacken, folgte nämlich ein: „Ne, ich denke die brauchen wir nicht.“ Ich bin zum dritten mal (trotz Regenjacke, die schon ein Jahr in England gemeistert hat) bis auf die Haut durchgeweicht, aber fest entschlossen die Alpen aus eigener Kraft zu überqueren. Die Abwägungen mit dem Zug weiterzufahren, sind also genauso hypothetisch, wie die Hoffnung, trocken über die Alpen zu kommen. Auch hier kennen wir uns gut genug und wussten, dass, koste es was es wolle, wir beide weiterradeln wollen. Die Kosten beschränkten sich auf einen neuen Regenponcho, der auf der restlichen Tour nur noch einmal getragen werden musste:
Denn am nächsten Abend konnten wir kurz vor dem Präbichl Pass in der Abendsonne unser Zelt aufbauen.

Einsame Bergpässe: Unterwegs auf Sloweniens Fernradwegen
Auf der südlichen Seite der Alpen lassen wir den Regen endlich hinter uns, radeln an unzähligen Kürbisfeldern der Steiermark vorbei, schlängeln uns an der Save entlang und sehen plötzlich am Horizont zum ersten Mal das Mittelmeer. Und langsam realisiere ich: Ich bin mit dem Fahrrad bis ans Mittelmeer gefahren.